Philosophie

Die Kunst des Kampfes

Kempo ist Philosophie, Denkungsweise, Lebensart, körperliches Training und geistige Haltung. Kempo ist Sport und Krieg, Gymnastik und Kunst, Lehre und Lernen. Um Kempo in seiner Gesamtheit zu verstehen, muss man alle Faktoren betrachten:
  • die historischen
  • die religiös-philosophischen
  • die kulturellen
  • die medizinisch-biologischen
Kempo - als Begriff und Bedeutung für alle ostasiatischen Kampfkünste der Vergangenheit und der Gegenwart - ist wie ein großer Baum. Dieser Baum hat viele Wurzeln und viele Äste - und er ist sehr alt und lebt länger als jede Kultur der Menschen.

Kempo ist mehr als Kriegskunst, mehr als Sport, mehr als Anatomie, mehr als körperliche Ertüchtigung. Kempo wurzelt mit seinen humanistischen und philosophischen Ansprüchen in den Ursprüngen des Hinduismus im alten Indien. Es hat sich in vielen Ausprägungen im gesamten ostasiatischen Raum verbreitet und hat dort das Leben in allen Bereichen durchdrungen.

Die Komponenten des Kempo sind vielfältig:
  • Yoga - körperliche Vervollkommnung des Menschen
  • Dao Philosophie - Kampf zwischen den Kräften Yin und Yang und die Wechselwirkung der Urelemente
  • traditionelle chinesisch-tibetische Medizin (Qi)
  • Beobachtung der Verhaltensweisen im Tierreich
  • Chinesische Kriegswissenschaft
  • Buddhistische Zen-Technik - Konzentration und Autosuggestion
Mitte des ersten Jahrtausends unserer Zeitrechnung trennten sich die Kampfkünste in einen daoistischen und einen buddhistischen Zweig auf.
Der daoistische Zweig brachte den Sanften oder Inneren Stil hervor, der sich auf die Entwicklung der energetischen Fähigkeiten des Organismus, der Steuerung der Bioenergie des Qi, stützte. Als Ursprung gilt der Berg Wudang in der Provinz Hubei.

Der buddhistische Zweig praktizierte den Äußeren Stil des Kempo, der besonderes Gewicht auf die Kräftigung des Körpers und die Schnellkrafteigenschaften legte. Ein Zentrum mit Vorbildcharakter für diesen Stil war das berühmte Kloster der Shaolin-Mönche.

Im Mittelalter forderten die Kampfkünste vom Menschen das ganze Leben. Das Motto war: Alles oder Nichts! Die alten Meister verglichen das Kempo mit dem kochenden Wasser - lässt das Feuer in der Brust nach, wird das kochende Wasser wieder zu einfachem Wasser.

Im Verlaufe der Aneignung der Kampfkünste verfeinerte sich die Selbsterkenntnis des Menschen, und seine Empfänglichkeit für das Schöne, für die lebende Natur und für die Kunst nahm zu.

Noch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts waren die Kampfkünste des Ostens in Europa praktisch unbekannt. Erst nach den Erfolgen des imperialistischen Japan in den Kriegen gegen China und Rußland wurden sie als der Samurai-Kampf (Jiu-Jitsu) wahrgenommen, waren aber nicht mehr als eine Modeerscheinung und gerieten wieder in Vergessenheit.

Um so intensiver wurde alles Ostasiatische nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa und Amerika aufgenommen. Als eine der rätselhaftesten und anziehendsten Formen der "Weisheit des Ostens" erwies sich das Kempo.

Die Leichtigkeit, mit der das Judo die Herzen eroberte, spricht vor allem auch dafür, dass das Kempo, das im Osten als eine systematisierte Kunst des Kampfes ohne Waffen entstanden ist, praktisch keine Grenzen kennt und sich beliebigen Bedingungen anzupassen vermag, da es den Interessen der Menschen auf allen Kontinenten entspricht.

Unmittelbar nach dem Judo und dem Jujutsu gelangten Karate, Kung-Fu, Kendo und Taekwondo, Aikido und Viet vo dao in den Westen und eine Trendwende ist nicht abzusehen. Natürlich haben die Kampfkünste heute nicht mehr die Bedeutung, die sie vor einigen Jahrhunderten hatten, denn die Menschen von heute haben nicht mehr die Möglichkeit, ihr gesamtes Leben dem Kempo zu widmen. Doch auch heute zieht es die Menschen aus ihren bequemen Wohnungen zu dem Samurai-Kodex Bushido, in den Raum zum Begreifen des Weges.

Das erste Gebot des Kempo lautet: Gehe nie in einen Kampf ohne ein edles Ziel oder ohne Gefahr für dein Leben.

Kempo, das ist eine Waffe der Zerstörung, doch für seine Schöpfer war es ein Mittel der Kreativität, des Erschaffens des eigentlichen Menschen, seines Körpers und seines Geistes, seiner Form und auch seines Inhaltes.

Quelle: Kempo - Die Kunst des Kampfes - Geschichte und Techniken der ostasiatischen Kampfsportarten von A.Dolin
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